Jens Wawrczeck CELLULOID

  • Ich habe mir vorgenommen, hier künftig besondere Bobons unter meinen Neuerwerbungen zu rezensieren - sogenannte "Mintbonbons" - und zwar vorzugsweise solche Platten, von denen ich glaube, dass sie etwas mehr Aufmerksamkeit verdient hätten als sie aktuell erhalten. Ich mache heute den Anfang mit...


    Jens Wawrczeck CELLULOID (Audoba)


    Der Interpret Jens Wawrczeck muss sich eigentlich nichts mehr beweisen - seine Stimme vergoldete schon über 150 Tonträger, mit seinen beiden "Bandkollegen" füllte er unlängst die größten Hallen im deutschsprachigen Raum und beim Erscheinen eines jeden neuen Werks des Trios sind hohe Umsätze im Prinzip schon vorher garantiert. Und nichtsdestotrotz ist CELLULOID (2020) Wawrczecks musikalisches Debütalbum... Wie kann dies zugehen? Kenner werden es wissen, andere ahnen es schon: Wawrczeck ist seit seiner Jugend die Stimme eines der Hauptsprecher bei DIE DREI ???, der erfolgreichsten Hörspielserie der Welt...


    Wenn der "dritte Detektiv" und bekennende Filmliebhaber auf CELLULOID nun in zumeist weniger bekannten Filmsongs der 1950er und 1960er Jahre schwelgt, sich ergeht und dabei gefühlvoll zärtlich und gleichermaßen kraftvoll eine aus der Zeit gefallene Ära der Filmmusik wieder zum Leben erwecken sucht, mag dies wohl einige - wenn nicht sogar viele - seiner Stammhörer verschrecken, denn schließlich haben die Genres Jazz und Jugendhörspiel bis auf den Anfangsbuchstaben nicht viel miteinander gemein. Doch offensichtlich geht es dem Künstler, der bereits mit Jazzgesang sein Schauspielstudium finanzierte, gar nicht um noch eine goldene Schallplatte oder seine Profilierung in einer neuen Sparte, sondern schlicht und einfach um die Verwirklichung eines persönlichen Cineastentraumes.


    Genauso selbstvergessen klingt dann auch sein Gesang auf dieser Scheibe, die im Gatefoldcover mit 8-seitigem Innenteil daherkommt, in dem Wawrczeck seine persönlichen Beziehungen zu den Filmen, aus denen die Songs stammen, erklärt - und wie die Lieder in die jeweilige Filmhandlung eingebettet sind. Das ist ein schönes Gimmick, notwendig gewesen wäre es allerdings nicht zwingend, denn Wawrczeck vermag es - eben ganz Schauspieler - in seine Interpretationen vieles von dem, was er erläutert, schon hineinzulegen und auf der Gefühlsebene zu vermitteln. Hier singt eben jemand Lieder, die ihn sein ganzes Leben lang nicht losgelassen haben und man spürt, dass diese Interpretationen nicht "nur" mal so eben für ein Albumprojekt entstanden sind, sondern anscheinend wirklich über Jahrzehnte (zumindest im Herzen des Künstlers) erwachsen und gereift sind. Damit setzt er sich zwar der Gefahr aus, dass das Ergebnis dem Einen oder Anderen stellenweise vielleicht auch zu dick aufgetragen wirken mag - doch wer nachvollziehen kann, dass man sich in Lieder regelrecht verlieben kann, wird sich gerade deshalb auch in Wawrczecks Vortrag verlieben können.


    So ist der Star des Albums zweifelsohne die ungewöhnliche Stimme Wawrczecks, die neben ihrer Ausdrucksstärke auch noch eine ungewöhnlich schöne Klangfarbe besitzt, bei der man ganz aus den Augen verlieren kann, ob hier nun gerade ein Mann oder eine Frau Belcanto singt, was insbesondere dann von Vorteil wäre, wenn man einige der von weiblichen Interpreten gesungenen Originale vielleicht doch noch im Ohr hat. Hervorragend darauf abgestimmt ist die Instrumentierung vom Christopher Noodt und Leonhard Mahlich, die dem Künstler auf der einen Seite genug Raum lässt zu "wirken" und auf der anderen Seite dennoch den opulenten Sound schafft, welchen man von einem Filmmusikalbum erwartet. So steht dem sich Hineinträumen in vergangene Kinozeiten absolut nichts mehr im Wege, zumal die ausführenden Musiker die Spielfreude ihres Frontmannes wunderbar aufnehmen, so dass insgesamt eigentlich ein richtiges Gute-Laune-Album entstanden ist.


    Damit ist freilich nicht gemeint, das Wawrczeck sich das für sein Debüt auch nur ansatzweise vorgenommen hätte - die Auswahl der Tracks per se ist äußerst facettenreich. Das Album eröffnet mit AT THE CROSSROADS mit einer rührend sentimenalen Perle, greift dann mit VIVRE POUR VIVRE die französische Chanson-Tradition auf und mit SENZA FINE auch eine etwas bekanntere Jazz-Schlagerballade. Auf der anderen Seite gibt es Fröhlich-Verspieltes wie BIBBIDI BOBBIDI BOO, ein druckvoll-fetziges MOOVE OVER DARLING - in den 1960er Jahren ein US-Hit für Doris Day - oder das wunderschöne Liebeslied LOVE OF IVY. Mit PORQUE TE VAS hat man einen Song aus der Disco-Ära umgearbeitet und dann ist da schließlich auch noch die Abteilung Thriller und Krimi, die unter anderem mit dem wohl mit Abstand bekanntesten Filmsong auf der Platte repräsentiert wird: YOU ONLY LIVE TWICE aus dem gleichnamigen James-Bond-Film. Trotz dieser Vielfalt klingt das Album jedoch wie aus einem Guss und hat einen wirklich guten Flow. Hartgesottenen Jazzkennern mag es vielleicht etwas zu gefällig sein, aber eine leichte Tendenz zu Easy-Listenig hat ja auch seine Vorteile.


    CELLULOID eigent sich nämlich wunderbar, um auf dem Sofa zu sitzen und den tollen Interpretation der Filmsongs zu lauschen, während man sich in dem großformatigen Beiheft die vielen Filmfotos ansieht und sich dabei an lang nicht mehr Gesehenes erinnert oder auch sich vornimmt, den einen oder anderen Film jetzt erst kennen zu lernen. Das Album eignet sich aber ebenso wunderbar als Untermalung eigener Stimmungen oder - das funktioniert auch sehr gut - eines feinen Essens. Da die enthaltenen Stücke wie auch die ganze Konzeption relativ komplex sind, wird es beim wiederholten Hören sicher nicht langweilig. Ich verdanke CELLULOID trotz einer relativ kurzen Spieldauer von um die 40 Minuten jedenfalls schon sehr viele vergnügliche Stunden...


    Das Vinyl, dass ich erhalten habe ist tadellos gepresst und schwer. Einziger Wehrmutstropfen war eine nicht vorhandene gefütterte Innenhülle und der Umstand, dass es nach dem ersten herausholen der Hülle mitsamt der Platte etwas schwierig war, beides wieder in die etwas engere Außenhülle zu bugsieren. Es mag daran liegen, dass CELLULOID bei einem Hörbuchlabel erscheinen ist, das bisher noch keinerlei Erfahrung im Vinylbereich hatte. Dafür ist die Außenhülle aber von einzigartiger Beschaffenheit, hochwertigstes Material - die auch auf der LP-Version gestochen scharfe Bebilderung macht darauf fast den Eindruck eines 3-D-Effekts, darüberhinaus alles toll verklebt und geheftet - dies macht schon beim aus dem Plattenregal holen einfach Freude und fühlt sich ganz wundervoll an!


    Fazit: Sehr gut funktionierendes Album mit absolut hingebungsvollen Interpretationen zum größten Teil vergessener Filmsongs der 50er und 60er, deren Wiederentdeckung sich lohnt. Die außergewöhnliche Stimme des Sängers macht einen großen Reiz des auch was das Arrangement und die "Verpackung" angeht äußerst liebevoll gestalteten Albums aus. Nicht nur für Filmfreunde einer bestimmten Ära genussvoll!


    Mitwirkende: Jens Wawrczeck, Leonhard Mahlich, Christopher Noodt, Boris Löbsack, Michael Pahlich, Oliver Fox, Sebastian Borkowski, Christian Ahrens, Natali Böttcher, Guido Jäger, Giovanni Nicoletta


    1. At The Crossroads („Doctor Dolittle“)

    2. Vivre Pour Vivre („Vivre Pour Vivre“)

    3. Voulez-Vous Danser Avec Moi? („Voulez-Vous Danser Avec Moi?“)

    4. Porque Te Vas („Cria Cuervos“)

    5. You Only Live Twice („You Only Live Twice“)

    6. Bibbidi Bobbidi Boo („Cinderella“)

    7. Move Over Darling („Move Over Darling“)

    8. Senza Fine (The Phoenix Love Theme/„The Flight Of The Phoenix“)

    9. Walk Through The World With Me („Goodbye Mr. Chips“)

    10. For Love Of Ivy („For Love Of Ivy“)

    11. Wait Until Dark („Wait Until Dark“)

    12. Wish Me A Rainbow („This Property Is Condemned“)

  • Oje... ich hoffe, ich habe mich nicht gleich mit meiner ersten Rezension disqualifiziert -


    1. bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher, ob es DER oder DAS Bonbon heißen muss... egal ich heiße jetzt eben so wie ich heiße :S.


    2. und viel wichtiger - beim weiteren Schmökern hier ist mir natürlich aufgefallen, dass ich vergessen habe, mich zum Sound zu äußern! Arrgh!


    Da ich das Album vor dem Kauf probeweise gestreamt habe, gingen mir natürlich bei der Vinylversion erstmal die Ohren auf! Die Stimme Wawrczeck kommt hier ungewöhnlich nuanciert rüber, was aufgrund seiner nuancierten, immer auch etwas schauspelernden Vortragsweise auch sehr wichtig ist! Dennoch ist die Stimme im Verhältnis zu den sie begleitenden Musikern nicht zu weit im Vordergrund - ein gutes Mastering würde ich sagen!


    Vielleicht noch einen Anspieltipp (wobei Youtube oder Spotify wirklich kein Vergleich zu der Vinylausgabe ist, was im Stream verschwimmt ist auf der Platte glasklar)? Der Anspieltipp sollte auch nicht repräsentativ für das Album gehalten werden, aufgrund der oben erwähnten Vielfältigkeit. Ich begreife CELLOLOID ja auch eher als Gesamtkunstwerk und tu mich daher etwas schwer damit, einen speziellen Song herauszugreifen, da jeder auf seine Weise stark ist. Nichtsdestotrotz, einfach weils zuviel Spaß macht: