Es war mal wieder Zeit für einen Tonabnehmer-Marathon. Zum einen, weil es Erfahrungen mit neuen Tonabnehmern gibt und zum anderen, weil die Anlage sich verändert hatte. Zu meiner Unterstützung hatte ich einen Freund hier zu Besuch, der nicht nur tatkräftig dabei war, sondern auch gleich mehrere der begehrten „Kleingeräte“ mitbrachte. Das ganze erstreckte sich über 3 Tage …mehr als ein dutzend Hörstunden. Dazwischen hatten wir einen regen Austausch und mehrere Liter Gerstensaft, sowie die nötige Nervennahrung.
Die Abhörbedingungen: Technics SL 1500C, Yamaha A-S 1200 und ein Paar Wharfedale Super Denton.
Am Start waren das Nagaoka MP 100 u. 110 (MI-Systeme), sowie das Nagaoka JT-80 (MM). Aus der MC-Technik waren es Shelter 901/3, das AT-OC9XML und das AT 33 EV. Und weiter das AT VM 520 xEB sowie ein Ortofon Concorde R mit Nadel 30.
Das MP 100 hat einen konischen Schliff, das MP 110 u. das JT-80 kamen mit einem elliptischen Schliff - hier (wie ich meine WICHTIG) beide mit einer 0,4x0,7 Verrundung, während das Shelter 901/3, das AT 33 EV und das VM 520 xEB eine 0,3x0,7 Ellipse anboten.
Am OC 9 war der MicroLine u. am Ortofon der FineLine angebracht. Im OC 9 und im JT 80 fungierten als Nadelträger je ein Bor-Stab, alle anderen waren mit Alu-Röhrchen ausgestattet.
Von Anfang an war uns wichtig die jeweiligen Eigenheiten der Zellen herauszufinden, es ging uns nicht um eine Platzvergabe.
Es stellte sich heraus, das mit jedem Tonabnehmer gut Musik zu genießen war, falls die jeweils angebotene Klangsignatur zum gesuchten ! Ergebnis beitragen konnte.
Das MP 100 tastet sicher ab u. bringt einen vollmundigen und warmtonigen Sound mit. Bei gegebener Transparenz löst es gleichwohl nicht sehr hoch auf …stören tut das nicht, weil es mit Farbigkeit und einem fließenden Tempo sowie mit glaubwürdiger Bühne überzeugen kann. No Nonsens hier.
Der J-NP 110 Einschub mit der 0,4x0,7 Ellipse nutzte die obigen Eigenheiten und erweiterte diese um eine Prise mehr im Präsenzbereich. Es schien als ob genau das etwas Tempovariation bewirkte - schön für Pop/Rock. Dem Bass gelang es dadurch sonorer zu erklingen. Die Bühne wirkte breiter, ein zugemischter Hall-Anteil in einem Stück wurde auffällig in eine hellere Tonlage verlegt. Violinen klingen strahlender, nun aber nicht mehr gar so seidig u. glaubwürdig.
Es folgte das Nagaoka MM. Es bringt den gleichen Schliff (0,4x0,7) wie das MP110 mit, der Diamant ist aber nochmals kleiner und an einen sehr dünnen und kurzen Bor-Stab geklebt. Die gesamte Abstimmung von Generator u. Magnetkreis ist derart gekonnt aufeinander abgestimmt, das sich eine deutlich breitbandigere Wiedergabe ergibt. Dazu gesellt sich eine gekonnt abgeschmeckte Filigranität. Dem Haus-Sound verpflichtet zeigt es sich dennoch wie mit einem goldenen Über-Alles Schimmer - SEHR einnehmend. Die Bühne gewinnt somit an Präsenz - ohne auch nur annähernd hell zu wirken. Kleine Besetzung wird gekonnt integer dargestellt. Diese farbige Transparenz trifft auf eine dazugehörige Feingliedrigkeit. Sehr wohl gibt es hier einen druckvollen, frei im Raum stehenden Bass-Punch und ein flottes, niemals hektisches Tempo zu vermelden.
Gespannt war ich auf das Shelter 901/3 mit Alu-Röhrchen u. Ellipse 0,3x07. Dieses System hatte in meiner Anlage einen Vorläufer - das Shelter 301/2 …es kommt mit Alu u. konischem Nadelschliff. Ich hatte eine verwandten Klang erwartet. Bekommen habe ich mit dem 901/3 ein bis unter die Haube voll geladenes Energie-Bündel. Wucht, Power und Dynamik ist das erste worauf ich gestoßen bin. Der Druck aus den tiefen Lagen kommt dominant. Diesem Sound aus Basskeller musste ein Pendant entgegengesetzt werden - und so bringt es eine spritzige Brillianz mit dazu. In dieser meiner Konfiguration hat es eindeutig einen Loudness-Charakter (gleichwohl bei geradem F-Gang).
Das ist insofern interessant als das, das SELBE System in seiner heimatlichen Anlage zwar den gleichen Druck aus dem Basskeller zeigt - dort aber wie selbstverständlich ausgewogen und tonal unauffällig wirkt.
Ein Walking Bass scheint flotter beim 901/3 als bei den Nagaokas. Das System klingt direkter, moderner und weniger schönend als das JT-80 …und dennoch wirkt es kontrolliert. Das Gefühl gesteigerter Transparenz rührt möglicherweise daher, das hier Instrumente „nach vorne geholt“ werden die am JT-80 im Hintergrund gruppiert bleiben. Und es sei hier betont - bei beiden ohne Verdeckungseffekte - die Transparenz bleibt unangetastet.
Hinsichtlich der Abtastqualität reicht das Shelter nicht an die souveräne Art der Nagaokas heran.
Nun zum AT OC9 mit ML-Schliff und Bor-Stab. Wer es gerne betont „neutral“ mag… - in meiner Konfiguration war es das System mit völlig fehlender tonaler Ausprägung. Gleich einem CD-Player zieht es die tiefen Lagen weiter nach hinten in den Raum…ohne das hier etwas fehlte. Schnell, sauber, konturiert, glaubwürdig. Eine weite, tiefe, offene Bühne - die dazugehörige Transparenz und Detailwilligkeit. Das kommt sehr überzeugend. Das Maß an Auflösung und Präzision darin übertrifft alle anderen Systeme in dieser Gruppe deutlich. Bei den gegebenen Musikstücken präsentierte es Stimmen, Instrumente und Effekte an nochmals anderen Platzzuordnungen. Jeder Ton war gleichberechtigt, da wo andere Präferenzen setzten. Das machte es uns - je nach Aufnahme - schon mal etwas „unübersichtlich“.
Und nun noch eine Sache die womöglich nur mich betrifft und eine Voreingenommenheit meinerseits sein kann. Es gab mit dem OC9 Aufnahmen die bei sehr hohen Pegeln im Hochtonbereich nervös wirkten und zum Teil etwas klirrig kamen. Ich glaube, das es am Bor-Stab-Nadelträger liegen könnte, der hier in Resonanz gerät. (Ja, natürlich kann das auch an hundert anderen Dingen gebunden sein …dennoch erlebe ich das immer mal wieder, sobald …s.o..). Auch das JT-80 hat den Bor-Stab …und auch bei diesem - sehr abgemildert - zeigt sich bei bekannter Musikstelle ein kleiner „Extraglanz“ …und ja, nicht nur in meiner Anlage.
Mein AT-33EV meint es da gänzlich anders - es kokettiert geradezu damit anders als alle anderen zu sein. Stets die Ruhe bewahrend, lässig und muskulös. Ein satter Bass, eine große, weite Abbildung wird kombiniert mit einer Bühnendarstellung die weiter hinter die Linie der Lautsprecher gezogen wird als bei den anderen Tonabnehmern. Anfangs wirkt es vergleichsweise dunkel …hat man sich daran gewöhnt (zwei Musikstücke) begibt man sich auf den Beobachtungsposten, zieht sich den Whisky und die Zigarre in Reichweite und genießt schon zu diesem Zeitpunkt die wohlsortierte Eleganz des musikalischen Geschehens. Der recht lange Alu-Nadelträger mit der 0,3x0,7 Ellipse gestattet sich keine Auffälligkeit. Und obwohl das Bassvolumen üppig ausfällt, werden die tiefen Lagen variantenreich ausgebildet.
Jetzt geht’s zu den letzten beiden verbliebenen Systeme - beide aus den Lager der MM‘s. Auch angesichts des Preises könnte man ja annehmen, das das AT VM 520xEB sich möglicherweise schwer tut mit ein paar eigenen Punkte aufzuwarten …aber, weit gefehlt. Alu-Röhrchen mit gefasster Ellipse 0,3x0,7. Anscheinend hat es diese Serie faustdick hinter den Ohren. Es wirkt Wieselflink, segelt auf der Musikwelle mit einer verblüffend selbstsicheren Art und Weise, das man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Eine tolle Abtastsicherheit, ausgewogen - dabei Leichtfüßig, warm klingende Mitten, ein fast luftig leichter Bass, dem es dennoch an Tiefgang nicht fehlt. Ja, die Bühne ist nicht so weit und tief wie anderenorts, aber das ist schnell vergessen - das Potpourri an Musikern, die da vorne agieren bannen zur Gänze unsere Aufmerksamkeit.
Diese „polierte“ Freude des Agierens deklassiert dahingehend alle Mitbewerber dieser Gruppe …es benimmt sich weitaus weniger gestresst. Chapeau.
Unser letzter Proband ist ein „alter Bekannter“. Das Concorde mit Alu-Röhrchen und FineLine Schliff. Dazu wurde schon viel geschrieben. Bekannt ist es für die balancierte Wiedergabe, die offen/transparente, breitbandige und gutmütige Wiedergabe. Nach den vielen anderen Tonabnehmern, die wir hier alle gemocht u. lieben gelernt haben, mussten wir feststellen, das es das Concorde ist, das uns weiter in die Musik hineinführt als die wunderbaren Eigenschaften der anderen Systeme. Es ist nicht Eigenschaftslos, es ist auch nicht besser hinsichtlich der oben aufgeführten wunderbaren Einzeleigenschaften der anderen.
Aber, es führt das Ohr ins Herz der Musik, es räumt auf, stellt sicher das dem Tempo u.o. Rhythmus nichts in den Weg gestellt wird. Es will mit nichts als der Musik begeistern, es glänzt nicht, lenkt nicht ab …aber es zeigt eine mögliche Art der Wiedergabe auf die an einen gelungenen Live-Auftritt erinnert - einfach mitreißend.
