Moin zusammen,
ich habe seit Kurzem ein neues / altes Spielzeug zur Ergänzung meiner Reussenzehn Endstufe "Tube Slave S". Auf dem Gerät findet sich weder eine Modellbezeichnung, noch eine Seriennummer. Auch gibt es keine Beschriftung der Bedienelemente, so dass sich mir zwei Dinge bisher nicht erschlossen haben: Die Funktion des Schalters, der auch die Betriebsleuchte enthält und der Regler links neben der Eingangswahl. Es könnte sein, dass beide nur beim Anschluss eines Plattenspielers eine Rolle spielen; dazu kam es noch nicht.
Schön sieht er aus, der flache Kasten:
Unten links ist im Dunkeln schemenhaft das etwas klobige Steckernetzteil zu sehen.
Der lobenswerter Weise immer noch existierenden Reussenzehn-Webseite nach müsste es das Modell "Tube Stereo Preamp" sein, zumindest von der Optik her. Dort wird auch beschrieben, dass Ergänzungen in der Funktionalität nach Kundenwunsch möglich waren - Manufakturarbeit und kleine Stückzahlen machten es möglich.
Zum "Tube Stereo Preamp" heißt es auf der Reussenzehn-Seite u.A.: "Der hochwertige Röhrenvorverstärker Tube Stereo Preamp wurde in erster Linie für meine Endverstärker Tube Slave S bzw. Tube 88,Tube 990 oder die Monoblöcke entwickelt. Der komplett in Handarbeit hergestellte Preamp wird in freier Point to Point-Verdrahtung mit extrem hochwertigen Silber-Silikon-Kabeln gearbeitet."
In der mir vorliegenden Evolutionsstufe hat das Gerät allerdings eine Epoxydharz-Platine. Bei den vielen starren Kabeln die auf der Platine und teilweise direkt mit Beinchen von Kondensatoren verlötet sind bedeutet die Erneuerung von Bauteilen einen größeren Aufwand - schade.
Nach dem Aufschrauben empfinde ich gleichzeitig Faszination und Entsetzen - demnach muss das Gebilde vor mir eindeutig Kunst sein!
Der Blick auf die Platine:
Der linke Teil der Platine beinhaltet den RIAA-Vorverstärker - so wie es aussieht mit 2 Transistoren pro Kanal. Ein- und ausgekoppelt werden die Phonosignale über 10µF ELKOs von Siemens. Alle weiteren Koppenkondensatoren sind MKT Folientypen.
Unten rechts ist der Miniatur-Trafo für die Anodenspannung der beiden ECC83 zu sehen. Vom Netzteil werden bei einer Netzspannung von 235VAC etwa 14,5VAC geliefert. An den liegenden braunen Elko (100µF/350V) kommt man mit Messleitungen heran - ich habe eine bis auf 255V langsam ansteigende Spannung gemessen. Es gibt (darüber im Bild) noch einen weiteren 350V-Elko (47µF) - möglicher Weise der zweite in einer Siebkette.
Bei zwei Kondensatoren wurden die Werte mit schwarzer Farbe unkenntlich gemacht. Diese Unart hätte ich hier nicht erwartet. Auf den ersten Blick sind sie als MKTs von Röderstein zu erkennen und nach Ablösen der Farbe zeigt sich der Wert von 2,2µF/250V.
Richtig kurios wird es bei den Doppeltrioden: Schaut man sich die Steckfassungen näher an, stellt man fest, dass jeweils nur eine Triode angeschlossen ist. Im linken Kanal (gelb verkabelt) sind die Pins, bzw. Lötösen 1-4 offen und somit arbeitet Sytem 1. Im rechten Kanal sind die Pins 5-8 nicht angeschlossen und somit arbeitet System 2. Warum hier keine Einfachtrioden zum Einsatz kamen lässt sich wohl mit der günstigen Verfügbarkeit der ECC83 und der zahlreichen Verwendung in den anderen Hifi- und Musikergeräten der Manufaktur erklären.
Den vorgefunden Röhren fehlt leider jegliche Bezeichnung. Ich habe beide auf Emission getestet und stellte fest, dass jeweils das bessere System in Benutzung war. Hat Herr Reussenzehn hier etwa Röhren mit ungleich starken Systemen gleichsam aussortiert? Da sich das jeweils unbenutzte System im Röhrentester nun aber kaum schlechter zeigte, denke ich, dass man, sollte nach vielen Jahren wirklich mal ein Tausch fällig werden, kann man einfach die Röhren untereinander tauschen und hat wieder "neue" Trioden im Einsatz.
Nun ja, so einfach ist es mit dem Austausch der Röhren dann doch nicht, jedenfalls nicht, wann die Abschirmkappen wieder an Ort und Stelle sollen... Da zwischen Röhrenfassung und Frontplatte nur wenig Platz ist, muss man die Röhren mit aufgesetzter Abschirmkappe einsetzen und dazu bleibt nur etwa 1cm Platz und wenn eine Fassung sich hartnäckig zeigt, hat man einfach nicht genug Grip!
So wollte mir das Einsetzen dieser Röhre einfach nicht gelingen! Ich habe die Röhre und die Finger mit Alkohol entfettet, und es half alles nichts... Ich hätte mir die Abschirmkappen sparen sollen, denn das letzte Wort in Sachen Röhrenbestückung ist ja noch nicht gesprochen aber aus irgendeinem Grund habe ich mich in der Aufgabe verbissen. Mehrere Möglichkeiten habe ich in Betracht gezogen: Die eine (!) Schraube mit der die Röhrenfassung befestigt ist, ist leider nicht gut zugänglich. Und die zugehörige kleine Mutter dort wieder an Ort und Stelle zu bringen versprach eine endlose Fummelei zu werden. Die Frontplatte ist mit 4 Schrauben befestigt, aber einige dorthin verlegte Leitungen sind so knapp bemessen, dass es mir nicht als gute Option erschien, diese loszuschrauben. Blieben die zwei Schrauben, welche den Winkel halten an dem die Röhrenfassungen befestigt sind und los geht's. Zuerst stelle ich fest, dass diese zwei Schrauben viel zu lang für den Wiha Steckschlüssel sind... nun ja, es geht ja auch ohne aber eingesetzt habe ich dann kürzere Schrauben.
Ermittlung des Augangswiderstands
Neben den beiden Haupt-Ausgangbuchsen hat die Vorstufe zwei Buchsenpaare, bezeichnet mit "low" und "high". Diese sind mit 6dB Hoch- und Tiefpässen beschaltet und wenn ich mich nicht verrechnet habe beträgt die Grenzfrequenz 72Hz. Die in den Filtern verwendeten Widerstände haben den Wert 100KOhm. Da sollten tunlichst nur sehr hochohmige Endstufen angeschlossen werden...
Ergänzt werden muss an dieser Stelle, was auf der Reussenzehn-Webseite zu den beiden Potentiometern auf der Rückseite des Gerätes geschrieben steht: "Der Verstärkungsfaktor des rechten und linken Kanals ist durch eine aufwendige Gleichspannungs-Regelung an den Röhren an der Rückfront einstellbar. Somit können die elementare Grundverstärkungs-Kennlinie und die Balance sehr feinfühlig eingestellt werden."
Da bei den ersten Hörtests sich auf dem rechten Kanal unschöne Geräusche einstellten, wenn der zugehörige Regler aus seiner Minimum-Position herausbewegt wurde, wurde auch die Messung des Ausgangswiderstand zunächst mit beiden Reglern in Minimum-Position durchgeführt. Der maximal mögliche Verstärkungsfaktor liegt dann knapp unter 1.
Um den Ausgangswiderstand beim normalen Ausgang zu ermitteln habe ich einen Sinusgenerator (eingestellt auf 1KHz) angeschlossen und die Ausgangsspannung auf 0,2V eingestellt. Gemessen wurde diese mit einem hochohmigen AC-Voltmeter (10MOhm Eingangswiderstand). Danach wurde als regelbarer Widerstand zusätzlich ein blaues Alps-Potentiometer (100KOhm) angeschlossen und mit diesem der Ausgang zunehmend belastet, bis sich eine Ausgangsspannung von 0,1V einstellte.
Anschließend wurde der eingestellte Wert des Potis gemessen: Links waren es 22,27KOhm und rechts 22,25KOhm. Früher dachte ich, so hochohmig wäre untragbar, da sind ja sämtliche Quellgeräte niederohmiger. Nun ja, mit kurzen, niederkapazitiven Kabeln und einer entsprechenden Endstufe mit großem Eingangswiderstand... wir werden sehen.
Beim linken Kanal habe ich die Messung wiederholt, dieses Mal mit dem Verstärkungs-Steller auf Maximum und einer Spannung von 0,4V / 0,2V. Es ergab sich ein Ausgangswiderstand von 18,15KOhm.
Für den Abschluss von Teil 1 noch zwei Bilder - vielleicht erkennt jemand, um welchen Röhrenhersteller es sich handelt.
Wenn Zeit ist geht es in Teil 2 mit der Herausforderung "Verstärkungs-Einstellung" weiter - Schalter mit zwei oder drei Möglichkeiten würden mir eigentlich reichen....
- Peter
